29. Fremde
Der größere Mann schrie: „Die Griffel hoch!“
Beide Angreifer hatten ihre Armbrüste gespannt und den Finger am Abzug, Sie trugen keine Uniform, es war nicht zu erkennen, wem sie dienten.
Bardo hob langsam und vorsichtig seine Hände. Narda war völlig reglos, erstarrt wie eine Statue.
„Du auch“, brüllte jetzt der Kleinere, aber Narda rührte sich nicht. Ihr Blick war starr auf den Mann gerichtet. Nicht auf die Armbrust, sondern auf seinen Hals, auf ein Tattoo in der Form einer Schlange.
„Sie ist gelähmt vor Angst und kann sich nicht rühren“, sagte Bardo, um die Situation zu entspannen.
„Halt die Klappe!“, antwortete der Größere, während der Kleine mit finsterem Blick auf Narda zu ging.
„Du tust, was ich sage, oder du stirbst!“, keifte er.
Endlich rührte sich das Mädchen. Ihr Blick blieb auf den Hals des Mannes fixiert. Allmählich hob sie ihre Hände. Der andere fesselte erst Bardos Hände, dann Nardas. Sie durchsuchten ihre Kleider und Rucksäcke, aber fanden nichts, was sie zufriedenstellte.
„Wer mag wohl was für euch bezahlen?“, fragte schließlich der Größere.
„Niemand“, antwortete der Meister, „wir sind ganz allein!“
Der Kleinere grinste und sprach: „Der Fürst zahlt gut, für hübsche Mädchen, habe ich gehört.“
„Der Alte ist wohl nur Ballast“, erwiderte der andere, „aber wer weiß. Ihr kommt erst mal mit! Vielleicht fällt euch ja noch jemand ein, der euch freikaufen mag und mehr bezahlt als der Fürstenhof.“
Sie trieben ihre Gefangenen tiefer in den Wald, zu einem Hügel zwischen drei Bäumen. Im Vergleich zu Narda und Bardo hatten die beiden Räuber ein fast luxuriöses Lager aufgeschlagen, mit einem richtigen Zelt und einer befestigten Feuerstelle. Sie hausten wohl schon einige Zeit hier.
Das Mädchen und der Meister mussten sich an einen der Bäume setzen und der Kleine schlang einen Strick durch ihre Handfesseln und um den Baumstamm.
„Benehmt euch! Eine Kehle ist schnell durchgeschnitten, wenn ihr Ärger macht!“
Die beiden Männer entfachten das Feuer und brieten ein Kaninchen, sie aßen und tranken. Der Trank hatte es wohl in sich, denn wie wurden immer lauter, prahlten mit ihren Heldentaten. Nach einigen Stunden des Gezeches stand der Kleinere auf und schwankte auf die Gefangenen zu.
„Ich nehme mir mal die Kleine!“, sagte er.
„Lass' das, nur als Jungfrau ist sie was wert!“, schalt der andere.
„Egal, ich brauch' das jetzt!“
„Narda, du musst jetzt singen!“, flüsterte der Meister.
Narda konnte sich immer noch kaum rühren, aber die Gefahr weckte ihre Instinkte. Ihre Stimme war kaum zu hören, und das war gut, so bekam der andere Mann nichts davon mit. Aber ihr Gesang kroch dem nahenden Kerl in die Ohren. Er kam noch ein paar Schritte näher, dann kippte er nach vorn und blieb liegen.
Der Größere lallte, „war wohl ein bisschen viel für dich heute“, dann nahm er noch einen Schluck und schlief dann auch ein.
Narda flüsterte: „Ich habe sein Tattoo erkannt! Ich werde es nie vergessen. Er war einer der Mörder meiner Mutter, der andere wohl auch.“
„Ich verstehe!“, antwortete Bardo nachdenklich.
„Kannst du ihn dazu bringen, uns loszubinden?“
„Er ist zu betrunken. Vielleicht morgen früh, wenn er wieder aufwacht, aber es ist sehr schwer.“
„Du könntest ihn zwingen, uns erst loszubinden und sich dann im Bach zu ertränken!“
„Nein“, antwortete Narda, „der Lebenswille ist stärker als meine Macht, er würde es merken und sich widersetzen.“
„Wir müssen abwechselnd wach bleiben, damit du weitermachen kannst, wenn er sich wieder regt.“
Narda nickte. Sie versuchte einzuschlafen, was in der Körperhaltung nicht einfach war. Vorher konzentrierte sie sich darauf, zwei Stunden später wieder aufzuwachen. Bardo blieb so lange so gut, es ging wach, dann wechselten sie sich ab.
Die Sonne ging auf und die beiden Gefangenen hatten sich etwas erholt. Der größere Räuber schnarchte ruhig neben der Feuerstelle vor sich hin, der andere lag mit der Nase im Dreck dicht bei ihnen. Das Mädchen sprach ihn leise an, aber er rührte sich nicht. Sie versuchte es ein zweites Mal, jetzt etwas lauter, aber der Erfolg blieb aus.
Schließlich streckte sie sich so weit, dass sie den Mann mit einem Fuß erreichen konnte, und stieß seine Schulter an.
Er regte sich stöhnend, bewegte unsicher seine Arme, drehte sich mehr auf die Seite und griff sich an den Kopf. Das war Nardas Signal. Leise stimmte sie ihr Lied an, sie war sich nicht sicher, ob sie beide gleichzeitig kontrollieren könnte. Es fiel ihr nicht leicht. Etwas in ihr wollte den Räuber büßen lassen, leiden lassen, ja sterben lassen für den Mord an ihrer Mutter. Da war auch eine Angst, den Mann dazu zu bringen, die Stricke zu zerschneiden, denn dazu musste er sein Messer ziehen.
Aber um mit ihrem Gesang in seinen Seelenkern vorzudringen, musste sie ihre Gefühle beherrschen. Sie riss sich zusammen. In den Wachphasen hatte sie sehr sorgfältig durchdacht, welche Suggestionen sie geben konnte. Es musste einfach klappen.
Es fiel ihr schwerer als jemals zuvor, aber sie ließ keine Unsicherheit in ihrer Stimme zu. Der Räuber erhob sich auf die Knie und richtete sich dann ganz auf. Er zog sein Messer aus dem Gürtel und kam dicht heran.
Sein Blick wirkte fast wie am Abend zuvor. Er fühlte Vorfreude darauf, sich mit dem Mädchen zu amüsieren, glaubte, sie würde ihm zu Willen sein. In diesem Bewusstsein durchschnitt er die Stricke und reichte Narda die Hand, um ihr aufzuhelfen. Dann ließ er seine Klinge fallen, drehte sich zur Seite und ging tiefer in den Wald, weg vom Lager, im festen Glauben, dass Narda ihm folgen würde.
Das tat das Mädchen nicht. Sie durchschnitt Bardos Fesselung, dann schlichen sie zusammen zu dem noch schlafenden größeren Räuber. Er sollte nicht schreien und so womöglich den anderen aus seiner Trance wecken. Bardo nahm ein Holzscheit in die Hand, beugte sich über den Schlafenden und holte aus.
Er hatte sich verrechnet: Der Wegelagerer hatte sich nur schlafend gestellt, aber seinen Dolch schon fest im Griff. Bevor der Meister zuschlagen konnte, brachte ihn ein Stich ins Bein zu Fall. Während Bardo fiel, richtete sich der Bandit weit genug auf, um die Oberhand zu gewinnen. Bardo unterdrückte den Schmerz und rang mit dem Kerl, der jetzt über ihm kniete, um das Messer.
Narda konnte mit ihrer Macht nichts ausrichten, dafür waren die Männer zu sehr mit dem Kampf beschäftigt. Der Räuber schob seine Hand mit dem Messer an Bardos Körper immer weiter nach oben. Bardo hielt mit aller Kraft dagegen, aber seine Verletzung schwächte ihn schon.
Narda schnappte sich das Holzstück und donnerte es dem Messerstecher an den Kopf. Sie war nicht kräftig genug, um ihn bewusstlos zu schlagen, aber es genügte, um ihn taumeln zu lassen. Der Meister drehte die Hand mit dem Dolch von seinem Herzen weg, als der Räuber auf ihn fiel. Der Räuber stürzte in seine eigene Klinge.
Der Mann rührte sich nicht mehr, der Dolch hatte sein Herz getroffen. Narda half Bardo, ihn auf die Seite zu rollen und den Meister zu befreien.
Bardos Beinwunde blutete stark und das Mädchen musste viel von dem zeigen, was Nerissa sie gelehrt hatte. Mit den Fesselstricken und einem Ast als Knebel band sie das Bein ab. Sie fand ein paar sauber aussehende Tücher im Räuberlager und legte eines davon zusammengefaltet auf die Wunde, das, andere band sie um das Bein, verknotete es und nutzte einen Stock als Hebel, um fest anzuziehen.
Der Meister hatte das Bewusstsein verloren. Das Mädchen brauchte Kräuter, um eine Entzündung der Wunde zu verhindern. Und irgendwo in diesem Wald irrte noch der andere Räuber herum.
30. Im Verließ
Borgun versuchte es mit aller Kraft, die Kette zu sprengen. Ein Eisenring war um sein rechtes Bein gelegt und mit einem primitiven, aber festen Schloss zusammengehalten. Die Kette mit daumengroßen Gliedern verband das mit einer Öse an der Wand. Der Reifen um sein Fußgelenk war eng und seine Versuche hatten ihm schon eine blutende Wunde eingebracht. Der Hüne war mehr als kräftig, aber er konnte dagegen nichts ausrichten und gab auf.
Die Wachen hatten sich nicht so viel Mühe mit Engelbert gemacht. Der konnte sich frei in der Zelle bewegen und nutzte es, um jede Ecke zu erforschen. Nur wenig Licht schien durch einen Schlitz unter der Decke. Es mochte derselbe Kerker sein, in dem schon Narda gefangen war. Er fand nichts, was ihnen helfen konnte. Strohsäcke als Nachtlager, ein Eimer für die Notdurft, aber nicht die Spur eines brauchbaren Werkzeugs.
Die Tür öffnete sich knarrend. Eine alte Frau trug einen Wasserkrug und eine Schüssel Getreidebrei hinein.
„Teilt es euch auf, so schnell gibt es nichts wieder!“, kommentierte der Wächter, der sie begleitet hatte, bevor er sie Tür wieder schloss.
Engelbert setzte sich zu Borgun. Sie verzehrten die Pampe mit bloßen Händen.
„Einen Löffel hätte ich gebrauchen können“, sagte Borgun.
„Die sind zu vorsichtig!“, antwortete Engelbert und führte den Krug zum Munde, um zu trinken. Er erschrak!
Im Krug war nicht nur Wasser, sondern etwas Hartes, Metallisches. Der Gefangene fischte ein Jagdmesser aus dem Gefäß.
„Besser als ein Löffel!“, bemerkte er und Borgun nickte.
Als von den Wachen nichts mehr zu hören war, begann Borgun, den gefundenen Schatz zu nutzen. Er stach die Spitze des Messers neben die Verankerung des Eisenrings in den Mörtel, gebrauchte es wie einen Meißel, aber er kam kein Stück voran.
Engelbert schlug ihm einen anderen Weg vor: „Die Klinge müsste in den Ring passen, dann kannst du sie als Hebel verwenden und ihn drehen!“
Borgun positionierte das Messer so, dass Klinge und Rücken den Ring berührten.
„Hoffentlich bricht es nicht, aber so könnte es gehen“, sagte er,
Mit aller Kraft drückte er gegen den Messergriff um den Ring nach links zu drehen, der bewegte sich nicht. Dann versuchte er es rechts herum, drückte sein ganzes Gewicht auf den Griff. Engelbert drückte zusätzlich darauf.
„Ich glaube, es hat sich ein bisschen bewegt! Versuchen wir es noch mal nach links“, sagte Borgun. Er zog das Messer heraus und steckte es von der anderen Seite in den Ring. Dann drückten beiden Männer wieder mit größter Kraft. Jetzt spürte es auch Engelbert. Der Ring bewegte sich, zwar nur ein winziges Stück, aber immerhin.
Sie wechselten immer wieder die Richtung und nach und nach vergrößerte sich der Winkel, den sich die Befestigung drehen ließ. Nach stundenlanger Arbeit in völliger Dunkelheit war aus dem kaum spürbaren Wackeln ein Viertelkreis an Beweglichkeit geworden. Es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, bis sie ihn ganz lösen konnten. Jetzt war ihre Kraft erschöpft. Die beiden Männer schlangen den Rest des Breis hinunter und tranken das Wasser. Engelbert versteckte noch das Messer in seinem Strohsack, dann schliefen sie erschöpft ein.
Sie erwachten vom Knarren der Zellentür. Diesmal brachte die alte Frau ein Stück Brot und einen neuen Krug, wofür sie den alten mitnahm. Der grobschlächtige Wächter bemerkte zynisch „Wohl bekomms!“
Nachdem die Geräusche verklungen waren, machten die Gefangenen sich wieder ans Werk. Grad für Grad, immer ein bisschen weiter lockerte sich der Eisenring. Alles hing davon ab, ob er sich am Ende auch herausziehen lassen würde oder mit Widerhaken verankert war. Als es richtig hell war, aßen sie das Brot und tranken von dem Wasser, dann arbeiteten sie weiter bis zum Abend. Schließlich konnten sie den Ring ein Stück von der Wand wegziehen. Bardo setzte das Messer nun als Hebel gegen die Wand ein und zog am Griff, so stark er konnte.
Mit einem Ruck flog der Bolzen mit dem Ring aus der Wand. Borgun hatte zwar immer noch den Reifen mit der Kette am Bein, aber seine Bewegungsfreiheit war nun viel größer.
„Wie geht es weiter?“, fragte Engelbert.
Borgun antwortet: „Wenn der Wächter kommt, müssen wir ihn überraschen. Die Frau ist wohl harmlos oder sogar auf unserer Seite, ihr verdanken wir sicher das Messer.“
„Wir müssen wach sein, bevor sie kommen“, bemerkte Engelbert, „es muss so aussehen, als wärst du noch festgemacht. Ich halte das Messer hinter dem Rücken verborgen.“
„Ja“, Borgun stimmte zu, „wenn er in der Zelle ist, reiße ich mich los und lenke ihn ab, du erledigst ihn dann mit dem Messer. Es sollte keinen Lärm geben, denn draußen ist bestimmt noch eine Wache.“
Engelbert sagte: „Wenn wir den hier töten, aber nicht raus kommen, erwartet uns der Galgen!“
Borgun antwortete: „Du musst ihm von hinten die Klinge an den Hals setzen und ihm gleichzeitig den Mund zuhalten. Er muss wissen, dass er uns gehorcht oder sofort stirbt! Kriegst du das hin?“
Engelbert nickte und Borgun fuhr fort: „Wir lassen ihn seinen Kumpan hereinrufen ich schlinge dem die Kette um den Hals. Es muss sehr schnell gehen!“
„Wir sollten jetzt schlafen“, sagte Engelbert. Er steckte das Messer so unter seine Liegestätte, dass er es beim Aufstehen sofort greifen konnte. Borgun schon den Befestigungsbolzen locker zurück in das Loch. Er gab sich selbst den Befehl, beim ersten Licht wieder aufzuwachen.
*
Das vertraute Knarren der Tür ertönte. Engelbert war auf den Beinen, bevor die Tür ganz offen war, das Messer hinter dem Rücken verborgen. Die Magd stellte ihren Krug und eine Schüssel ab, nahm den letzten Krug und sah sich um. Ihr Blick huschte unsicher zwischen den beiden Männern hin und her, so als wüsste sie, was sie planten.
Der Wächter trat ein und sah sich um. Als er sich Borgun zuwandte, riss der die Kette aus der Wand und schleuderte sie in seine Richtung. Sie war nicht lang genug, um ihn zu treffen, aber die Ablenkung genügte. Engelberts Klinge lag an seinem Hals und seine linke Hand hielt ihm den Mund zu.
„Ein Mucks und du bist tot“, flüsterte Bardo, „du bleibst am Leben, wenn du tust, was ich sage. Nicke, wenn du das verstanden hast!“
Engelbert erhöhte zur Bekräftigung den Druck des Messers. Der Wächter nickte langsam, vorsichtig.
Borgun sprach leise weiter: „Tue so, als wäre alles in Ordnung. Du rufst deinen Kollegen herein, weil du ihm etwas zeigen willst. Mach es ordentlich, dann passiert euch beiden nichts!“
Der Wächter nickte noch einmal. Borgun stellte sich neben die geöffnete Tür, die Kette zwischen beiden Händen. Die Magd stellte sich gegenüber der Tür an die Wand.
Engelbert löste vorsichtig seine linke Hand vom Mund des Wächters, ließ ihn aber weiter die Messerklinge spüren.
„Komm mal her Kurt, das musst du dir ansehen!“, rief er, dann fühlte er wieder die Hand auf seinem Mund.
Eine zweite Wache trat durch die Tür. Es war ein Kerl, der sich mit Borgun messen konnte, groß und massig, aber er rechnete nicht damit, dass der Hüne frei war. Der schlang ihm die Kette um den Hals und zog zu, bis er sicher war, die Oberhand zu haben.
Engelbert nahm beiden ihre Schwerter ab und durchsuchte sie vergeblich nach Schlüsseln. Borgun lockerte die Kette und ließ dem Mann etwas Luft, er bedeutete der Frau, heraus zu gehen. Als sie draußen war, löste er die Kette ganz und nahm dann eines der Schwerter. Damit drängten sie die beiden Wächter weiter nach hinten, gingen durch die Tür und verriegelten sie von außen,
In der Wachstube erwartete sie die Magd. Sie sagte: „Ihr müsst euch beeilen, es werden nachher Soldaten kommen!“
„Wieso hast du uns geholfen?“, fragte Engelbert.
Sie antwortete: „Ich war früher beim Goldschmied in Diensten. Er bat mich darum, sagte, er sei es dir schuldig.“
„Hab Dank!“, erwiderte Engelbert, „weißt du, wo der Schlüssel für diese Fessel ist?“
„Das haben sie mir nicht verraten, aber wichtige Sachen haben sie dort in der Truhe.“
Die Kiste, auf die sie zeigte, war verschlossen, aber für Borgun war es ein Leichtes, sie mit dem Schwert aufzubrechen. Darin fanden sie tatsächlich ein großes Schlüsselbund. Engelbert probierte eine ganze Reihe von Schlüsseln aus, bevor er den Richtigen fand. Schließlich gelang es ihm aber, Borgun die Fußfessel abzunehmen. Die Wunde darunter würde Versorgung brauchen, aber erst einmal mussten sie weg. Einige Münzen aus der Truhe steckten sie sich als Haftentschädigung ein.
„Schlag mich nieder!“, forderte die Magd Engelbert plötzlich auf.
„Ich schlage keine Frauen“, entgegnete der.
„Du musst!“, betonte sie, „es muss einen Grund geben, dass ich die Wachen erst später raus lasse, wenn ich wieder zu mir komme.“
„Klug gedacht“, sagte Borgun, „aber das machen wir anders!“
Er rieb seine Hand im Ruß und der Asche des Kamins und schmierte der Frau das ins Gesicht.
Er sagte: „Wälze dich dort im Staub, dann setze dich vor die Zellentür und stöhne immer mal wieder!“
Beide Männer dankten der Frau, dann öffneten sie vorsichtig die Ausgangstür und schlichen davon.
„Wir brauchen einen Unterschlupf. Kennst du jemanden in Goselar, dem wir vertrauen können?“, fragte Borgun.
„Der Goldschmied ist ein Freund, aber das wissen sie, dort werden sie zuerst suchen“, antwortete Engelbert.
„Vielleicht besser kein Freund, sondern jemand, der etwas davon hat, ein Freund zu werden? Kennst du den Wundarzt? Ich fürchte, den brauche ich bald!“
„Ja, das ist Arimbert, ein kluger Mann.“
Sie mussten durch die halbe Stadt, um das Haus des Heilers zu erreichen. Glücklicherweise war noch nicht viel Betrieb auf den Straßen und niemand beachtete sie.
Es war fast Mittag, als sie ankamen. Engelbert klopfte an die Tür des schmalen Hauses, in dem der Wundarzt wohnte.
Der Mann war nicht zu Hause. Seine Frau öffnete, sah sofort Borguns Wunde und bat die beiden herein.
„Arimbert müsste bald wieder hier sein, wenn ihr warten wollt, aber ich kann dein Bein auch versorgen“, sagte sie.
Borgun bat sie darum, denn inzwischen schmerzte die Wunde sehr. Die Frau säuberte die Wunde und verrieb eine Tinktur darauf, die wie Feuer brannte. Schließlich verband sie den Unterschenkel mit Leinenbinden.
Sie verlangte zwei Silbermünzen für die Behandlung, die ihr Borgun gerne gab. Er ließ dabei die Goldstücke sehen, die er bei sich trug.
„Wisst ihr vielleicht, wo wir ein paar Tage Unterkunft finden können?“, fragte er dann.
Sie überlegte nicht lange, sondern sagte, „Wir haben oben eine Kammer frei. Sie ist nicht groß, aber es wird schon gehen.“
Sie sahen sich das Zimmer an. Es war kleiner als die Kerkerzelle, aber im Moment das Beste, was sie bekommen konnten.
Als der Wundarzt heimkam, berichtete ihm seine Frau von den unerwarteten Gästen und tischte dann eine Suppe für alle auf. Später, allein in ihrer Kammer, überlegten Borgun und Engelbert, wie sich aus der Stadt heraus kommen sollten. Es war schwer, abzuschätzen, wie weit die Staatsmacht gehen würde, um sie wieder einzufangen. Sicher würden die Stadttore nun sorgfältig bewacht und es wäre kaum möglich für sie, einfach hindurch zu spazieren, es wäre auch denkbar, dass sie die ganze Stadt nach ihnen durchsuchen und dabei irgendwann auch an die Tür des Wundarztes klopfen würden.
Eine weitere unschöne Möglichkeit bestand darin, dass man ein Kopfgeld für sie auslobte. Die Hausherrin war freundlich und hilfsbereit, aber sie mochte auch Geld. Der Wundarzt war auf Gedeih und Verderb von seiner Zunft abhängig. Wenn er da über sie etwas ausplaudern sollte, wäre es vorbei mit ihrer Sicherheit.
Sie waren sich einig, die Gastfreundschaft nur so kurz wie möglich zu nutzen und gut dafür zu bezahlen. Um die Stadt zu verlassen brauchten sie andere Hilfe, einen Warentransport, in dem man sich verstecken konnte,
Am nächsten Morgen wurde ihnen ein Frühstück aufgetragen, das nach den Tagen im Kerker luxuriös anmutete. Unter dem Vorwand, sich noch erholen zu müssen, zogen sie sich dann wieder in die Kammer zurück. Den ganzen Tag in der Stube zu hocken, mochte verdächtig sein, aber ziellos auf Goselars Straßen herum zu laufen erschien ihnen als noch gefährlicher.
Am dritten Tag sprach Arimbert sie darauf an und die beiden Männer beschlossen, sich ihm anzuvertrauen. Sie betonten, dass sie nichts verbrochen hatten und unschuldig verfolgt werden. Sie stellten ihm Rezepte für Heilmittel in Aussicht, die er noch nicht kannte. Das brachte ein Leuchten in seine Augen.
31. Der Einsiedler
Narda rief sich eine von Nerissas Lektionen ins Gedächtnis: Sie brauchte Fichtenharz und Blätter vom Spitzwegerich, um Bardos Wunde ordentlich zu versorgen. Und sie musste sich beeilen, sonst könnte der Meister sein Bein verlieren oder sogar sterben. An Fichten herrschte in diesem Wald kein Mangel und es lagen mehr als genug Zweige auf dem Boden. Doch das Mädchen hütete sich, sie zu nehmen, denn Erde vom Waldboden konnte das Harz verderben.
Die Suche dauerte schon viel zu lang. Immerhin hatte sie die heilenden Blätter gefunden und sich in die Tasche gestopft. Da, über ihrem Kopf, sah sie den goldenen Schimmer von Harz unter einem Ast, klar und sauber, aber viel höher, als ihre Arme reichten.
Sie nahm einen Zweig vom Boden, der eine Gabelung aufwies, riss Teile davon ab, bis nur ein Haken übrig blieb. Mit diesem improvisierten Werkzeug versuchte sie, den Ast herunterzuangeln.
Sie musste sich strecken, so weit sie konnte, um den Haken über den Ast zu bugsieren. Als es gelungen war, zog sie daran, doch der Zweig erwies sich als zu dünn, der Haken brach ab. Sie schalt sich selbst, dass sie kein Seil für so einen Fall mitgenommen hatte, aber es half nichts, sie musste zurück zum Lager, eines holen.
Da war jemand. Ein paar Augen im Gebüsch. Narda war auf der Hut, sie wusste, dass der andere Räuber irgendwo im Wald herumirren musste.
„Hab' keine Angst!“, die Stimme kam aus dem Busch. Ein Mann, der dort gekauert hatte, richtete sich auf. Er hatte eine Statur wie Borgun, groß, breit bärtig und muskulös, und seine Haut war schwarz wie die Nacht. Narda wusste, dass es Menschen mit anderen Hautfarben gab, aber sie war nie einem begegnet.
„Du brauchst das Harz, ja?“, fragte der Mann.
„Ja, ich muss eine Wunde versorgen!“, antwortete Narda.
„Lass mich dir helfen!“, sagte der Fremde und kam näher.
Narda schwankte zwischen Misstrauen und der Einsicht, dass sie Hilfe brauchte. Die Angst um Bardo gab den Ausschlag.
Der Fremde war viel größer als Narda, aber doch nicht groß genug, um den Ast abbrechen zu können. Er zog ein Messer aus dem Gürtel und das Mädchen wich instinktiv ein Stück zurück. Er sah das, drehte die Klinge zu sich und bot ihr den Griff des Messers an. Das Mädchen verstand und ergriff ihn.
„Ich hebe dich hoch, du kannst auf meine Schultern steigen!“
Er faltete sie Hände zur Räuberleiter und ging in die Knie, damit sie aufsteigen konnte. Als Narda darin stand richtete er sich auf und hob sie zu seinen Schultern. So konnte sie den verharzten Ast erreichen. Ihre Kraft reichte nicht aus, um ihn abzubrechen. Aber sie hielt sich mit einer Hand an ihm fest und gebrauchte mit der anderen das Messer, hackte auf das Holz ein.
„Du brauchst nicht den ganzen Ast“, sagte der Mann, „brich einen kleineren Zweig ab und schabe mit dem das Harz herunter!“
Er hatte recht! Warum war sie nicht selbst darauf gekommen. Sie kratzte reichlich Fichtenharz ab, dann kletterte sie an dem schwarzen Riesen herunter.
„Habt Dank! Ich muss zurück zu meinem Vater, er braucht die Medizin“, sagte sie.
„Ich komme mit“, antwortete der Mann und folgte ihr.
Als sie das Räuberlager erreichten, war Bardo nicht mehr bei Besinnung. Narda besann sich auf das Gelernte. Sie musste die Abbindung des Beins lockern, damit es nicht abstarb. Sie wusste nicht, wie lange der Meister schon bewusstlos was und wann er es zum letzten Mal getan hatte. Der Verband, den sie ihm angelegt hatte, schien zu halten, aber Narda musste ihn erneuern und mit den gesammelten Mitteln verbessern.
Sie zog die Abbindung wieder fest und löste das Tuch von der Wunde, während der Schwarze ein paar Flaschen ansah, die herum lagen. Eine öffnete er und roch an ihrem Inhalt.
„Das ist stark genug, damit kannst du die Wunde säubern!“, sagte er.
Sauberes Wasser wäre dem Mädchen lieber gewesen, aber ein Feuer zu entzünden, um welches abzukochen, hätte wertvolle Zeit gekostet. Sie roch selbst an dem Schnaps und ließ ihn dann über Bardos Wunde fließen.
Bardo schrie auf, es musste brennen wie die Hölle.
Der Fremde reichte ihr ein Tuch und wischte das Blut und den Alkohol weg. Dann ging sie vor, wie sie es gelernt hatte, zerdrückte die gesammelten Blätter über der Wunde, verteilte den entstandenen Brei darauf. Das sollte den Schmerz lindern.
Ihr Helfer hatte das Feuer entfacht und schmolz das Fichtenharz auf einem flachen Stein. Narda ließ es auf den Brei tropfen, polsterte die Wunde mit Moos und verband sie neu.
Wieder lockerte sie die Aderpresse, sie wagte es aber nicht, sie ganz offenzulassen, aus Angst, Bardo könnte verbluten.
„Du bist ein Heilkundiger?“, stellte Narda mehr fest, als das sie fragte.
„Ich bin ein bisschen vom Allem“, antwortete der Mann, „man nennt mich Bernhard und ich lebe seit langer Zeit allein hier. Ich habe vieles gelernt.“
„Danke Bernhard!“, sagte das Mädchen aufrichtig und erzählte ihm vom Überfall der Räuber, warnte ihn vor dem, der noch durch den Wald irrt.
„Ihr solltet nicht hierbleiben“, sagte Bernhard, „wenn er wieder gehen kann, kommt ihr besser mit in meine Hütte.“
„Ich fürchte, das wird einige Zeit dauern“, antwortete das Mädchen mit einem traurigen Blick auf den Meister.
Bernhard antwortete: „Das wird schon gehen. Wir machen ihm aus Ästen eine Krücke. Zur Not kann ich ihn auch tragen!“
„Wie weit ist es bis dort?“
„Von der Stelle, wo du das Harz gefunden hast, noch mal genauso weit.“
„Das schafft er nicht“, sagte Narda traurig, „und ihn so weit zu tragen, ist auch schwierig!“
„Auf jeden Fall muss er zu Kräften kommen!“, stellte Bernhard fest, „Wenn er wieder aufwacht, muss er etwas essen und trinken. Wir übrigens auch!“
„Du hast recht“, antwortete das Mädchen, „Ich habe noch dieses Pulver im Rucksack. Mit Wasser gibt das einen nährenden Brei.“
„Ich kenne das, ja. Es hält einen am Leben, aber ist nichts gegen ein Stück Brot und ein paar Eier! Ich schaue mich hier mal um, vielleicht kann ich etwas Leckeres finden!“
Narda nickte, Bernhard erkundete das Lager und den Wald drum herum.
Als er zurückkehrte, hatte Narda den Nahrungsbrei schon angerührt. Sie flößte Bardo, der halbwegs bei Besinnung war, etwas davon ein und stärkte sich selbst. Auch Bernhard aß etwas davon. Er war aber nicht mit leeren Händen gekommen: Aus Ästen und Zweigen hatte er eine Art Schlitten geflochten, den man über den Waldboden ziehen konnte.
„Damit bringen wir ihn morgen zu meiner Hütte“, sagte er und fuhr fort, „aber vorher müssen wir den hier begraben!“
Er wies auf den toten Körper des Räubers und Narda nickte. Ohne Hilfe wäre es unmöglich gewesen, aber Bernhard war ein starker Mann. Der Spaten, den er im Räubernest fand, was im Vergleich zu seinem Körper winzig, aber besser als nichts. Sie konnten und wollten nicht hierbleiben, also wählte er eine Stelle gleich in der Nähe, wo der Boden weich schien. Trotz seiner Kraft konnte er nicht tief vordringen, überall war Wurzelwerk; ein flaches Grab musste genügen.
Bevor er die Leiche zur Grube zog durchsuchte Bernhard die Kleidung des Toten und nahm einige Münzen an sich. Nach dem Zuschütten der Grube schichtete er einige Äste und Steine darauf, dann war er mit einem Werk zufrieden. Narda fiel auf, dass er etwas Seltsames tat, bevor er zu ihr zurückkehrte: Er legte seine Hand auf sein Herz, murmelte etwas, was sie nicht verstehen konnte, und verbeugte sich.
„Was hast du gemacht?“, fragte das Mädchen.
Bernhard antwortete: „Auch wenn er ein schlechter Mensch war, ein Räuber, habe ich seiner Seele Respekt gezollt“.
„Er hat meine Mutter ermordet!“
Bernhard zuckte zusammen und fragte nur. „Was?“
Narda hatte es vor Augen, als wäre es gerade erst passiert und war froh, es jemandem erzählen zu können. Sie erklärte unter Tränen: „Ich war erst sechs, als es passierte. Meine Mutter wanderte mit mir übers Land, nachdem mein Vater gestorben war. Drei Räuber überfielen uns.“
„Ist er nicht dein Vater?“, Bernhard wies auf halb wachen Bardo.
Narda sah dessen warnenden Blick und antwortete: „Eine andere Familie nahm mich danach auf, deshalb habe ich wieder einen Vater.“
Bernhard nickte und das Mädchen fuhr fort: „Die Angst um mich verlieh meiner Mutter Riesenkräfte. Einen schlug sie mit ihrem Wanderstock lahm, sodass er liegen blieb. Aber sie wurde selbst auch schwer verletzt und starb dann daran. Die beiden anderen konnten fliehen.“
„Bist du sicher, dass der hier dabei war“, fragte Bernhard.
„Es ist lange her, aber ja, der andere, der hier noch irgendwo herumläuft, hat eine Tätowierung und die habe ich wiedererkannt. Von diesem hier habe ich die Stimme erkannt. Der hier starb, als er gerade versuchte, auch noch Bardo zu töten. Mich wollte er an den Fürsten verkaufen!“
„Ich verstehe“, antwortete Bernhard, „lasst uns jetzt abwechselnd schlafen, wir haben morgen einen anstrengenden Weg vor uns. Einer muss immer wach sein, falls der andere Strauchdieb wieder auftaucht, außerdem muss die Knebelbinde an Bardos Bein immer wieder kurz gelockert werden.“
*
Narda erwachte von einem Schmerzensschrei. Bardo hatte versucht, aufzustehen, und das misslang gründlich. Immerhin war er jetzt bei Bewusstsein, aß und trank mit Narda und Bernhard. Der Gedanke, auf dem Schlitten durch den Wald gezogen zu werden, gefiel dem Meister gar nicht, aber eine bessere Möglichkeit wusste er auch nicht.
Das Mädchen erneuerte seinen Verband und nahm ihm die Aderpresse ab, der Druckverband schien jetzt zu genügen. Damit es so blieb, war nicht daran zu denken, das Bein zu belasten. Es blieb beim Krankentransport per Waldschlitten.
Sie machten sich auf den Weg, Bernhard band ein Seil an die Konstruktion und das andere Ende um seinen Bauch. Narda bekam die Aufgabe, das Vehikel hinten zu stabilisieren. Auch für Bardo gab es etwas zu tun, er musste seinen Liegeplatz mit einigen erbeuteten Werkzeugen und ihren Rucksäcken teilen.
Der Einsiedler kannte diesen Wald gut und führte sie auf einem Weg, der größtenteils eben war. Nur an wenigen Stellen musste der Schlitten mit Nardas Hilfe über herausstehende Wurzeln oder Felsbrocken gewuchtet werden. Trotzdem kamen sie nur langsam voran. Als die Sonne ganz oben stand, legten sie eine Pause ein und überprüften Bardos Verband.
Schließlich erreichten sie das Ziel. Das Mädchen hatte sich eine notdürftige Hütte vorgestellt, aber hier zwischen den Bäumen stand ein richtiges Haus mit einem gemauerten Kamin und Gehegen, in denen sich Ziegen und Hühner tummelten.
Bernhard sah ihr die Überraschung an und grinste. Er hob Bardo vom Schlitten und trug ihn hinein, legte ihn auf eine Pritsche im Haus. Dann zeigte er Narda seine Vorratskammer. Das Mädchen entzündete das Feuer und kochte einen Stärkungstee. Brot und Ziegenkäse waren eine heiß ersehnte Abwechslung vom Nährbrei aus der Tanne.
Der Einsiedler hatte ein richtiges Bett, für Narda blieb noch ein Strohlager auf dem Fußboden, aber nach den Nächten im Wald war alles besser. Sie war kaum eingeschlafen, als Bernhard sie wieder wachrüttelte. Er hielt ihr im selben Moment den Mund zu, legte einen Finger auf seine eigenen Lippen.
Draußen bewegte sich etwas!
32. Bergauf
Nerissas Gruppe zog weiter.
„Wohin gehen wir eigentlich?“, fragte Ardin.
„Zur Quelle dieses Bachs“, antwortete Nerissa und wusste, dass das wenig aussagte. Sie hatte keine Landkarte und keine Ahnung, ob sie auf ihrem Weg noch auf ein Dorf stoßen würden. Das Nahrungskonzentrat würde noch einige Tage reichen, und sie hatte keine Sorgen, danach zu verhungern. Im Wald konnte sie jederzeit etwas zu essen finden.
Jando animierte die Gruppe immer wieder, etwas zu singen. Das ließ die Zeit schneller vergehen und machte den Marsch leichter, aber wenn Nerissa in sein Gesicht sah, entdeckte sie den nur mühsam verborgenen Ausdruck von Sorgen, von Angst. Auch sie selbst war nicht frei davon, sie vermisste Engelbert, hatte Angst um ihn. Hinzu kam, dass sie unsicher war, ob es klug gewesen war, die Gruppe aufzuteilen. Vermutlich waren sie weiter oben sicherer vor Verfolgern, aber sie waren dort auch fern von jeder Möglichkeit, etwas über das Schicksal der anderen zu erfahren.
An Jando hatte sie einen erfahrenen Mitstreiter dabei, aber Finn und Ardin zeigten sich ihr immer mehr als Jammerlappen. Mit dem Tod seiner Marie war Ardins Motivation, ihnen zu helfen, auf die reine Selbsterhaltung zusammengeschrumpft, und Finns Verliebtheit in Narda verhieß auch nichts als Ärger.
Auf einer Lichtung machten sie Feuer, aßen den unvermeidlichen Brei, geschmacklich verbessert mit Nerissas Kräutern. Jando improvisierte eine Angel und setzte sich an den Bach. Ardin gesellte sich zu ihm.
„Wohin führt das alles?“, fragte er und meinte nicht den Weg.
„Ich kann dir das nicht erklären, aber es geht vor allem um das Mädchen, Narda. Sie ist der Schlüssel, durch den sich die Welt ändern kann, zum Besseren, aber auch zum Schlechten!“
„Und ihretwegen sterben Menschen? Meine Marie!“
„Es ist nicht Nardas schuld und sie hat auch keine Wahl. Dass Marie getötet wurde, tut mir leid, wir hatten für euch eine andere Zukunft im Sinn. Aber die Mörder wollten Dich töten, nicht Marie und auch nicht Narda. Das Mädchen wollen sie lebend haben.“
„Ich verstehe das alles nicht!“, antwortete Ardin.
„Hast du dich mal gefragt, wieso ihr Mönche unten euch alle so ähnlich seid?“
„Das weiß ich! Die große Weisheit wählt die am besten geeigneten Frauen und Männer aus. So gewinnt sie das ideale Erbgut für den Nachwuchs. Deshalb sind sehr viele von uns miteinander verwandt.“
„Das sagt euch eure Gottheit, aber es stimmt nicht ganz“, behauptete Jando.
„Und du weißt mehr, als die große Weisheit?“, Ardin fragte in einem ironischen Ton.
„Nein, wir wissen aber mehr, als euch die große Weisheit verrät.“
„Was denn?“, fragte Ardin, immer noch auf spöttische Weise.
„Zum Beispiel, dass es schon seit hundert Jahren bei euch keine neuen Zeugungen mehr gegeben hat. Ihr stammt alle nur von ein paar Dutzend verschiedenen Erzeugern ab. Ihr seid Kopien, Klone nennen wir das!“
Jando hatte sich hinreißen lassen, mehr zu sagen, als er verraten wollte. Ardin versuchte, diese Behauptung zu verstehen und zu bewerten. Nach ein paar Minuten hob er einen Stein vom Ufer auf und warf ihn mit Schwung in den Fluss, brüllte dabei einen Fluch hinaus.
Der Gaukler versuchte, ihn zu beruhigen.
„Weißt du, es hat seinen Sinn, dass Menschen sich verlieben, dass Paare sich finden und Kinder zeugen. Nur deshalb ist jeder Mensch hier oben anders, nur deshalb kommt es auch vor, das besondere Menschen geboren werden, die die Welt besser verstehen, immer mehr lernen und die Welt verbessern wollen.“
Ardin zitterte, als er antwortete: „Und das seid ihr, die Gauklertruppe?“
„Es gibt viel mehr, die so sind. Aber einige wissen das und organisieren das Lernen und Verstehen. Das sind wir!“
„Aber so werden auch sehr dumme oder sehr schwache Menschen geboren“, warf Ardin ein.
„Das stimmt, ja. Manchmal kommen hier oben Kinder zur Welt, die früh sterben oder mehr Hilfe brauchen. Manche können nur ganz einfache Arbeiten verrichten. Die große Weisheit wollte das wohl ändern, aber wenn es nur noch einheitliche Menschen gibt, dann setzen sich auf die Dauer die Schwächsten durch. Das Erbmaterial muss öfter aufgefrischt werden, man kann Menschen nicht wie Schafe züchten!“
„Deshalb wollen sie Narda!“, sagte Ardin und Jando biss sich auf die Lippen.
„Es ist noch ein bisschen anders, als du jetzt denkst“, antwortete Jando rätselhaft.
Etwas zog an der Leine, ein Fisch hatte angebissen. Jando zog ihn an Land und erschlug ihn. In den nächsten Stunden gingen ihm noch drei Weitere an den Haken. Sie kehrten zum Lagerfeuer zurück, nahmen die Fische aus und brieten sie auf einem heißen Stein im Feuer, eine willkommene Ergänzung zum künstlichen Futter.
Am Abend nahm sich Nerissa Ardins an, beruhigte ihn nicht nur mit einem Aufguss von Baldrian, sondern auch mit ihren Worten. In dieser Nacht schlief er, zum ersten Mal seit Maries Tod, mit einem Glücksgefühl ein.
Nach dem Aufwachen erklärte die Heilerin, dass an diesem Ort ein richtiges Lager aufgebaut werden sollte. Sie hatte dafür sehr genaue Pläne und für jede und jeden eine Aufgabe. Aus den Zeltplanen, Ästen und Bäumen war am Ende des Tages ein Dach und Windschutz entstanden. Sie bestreuten die Konstruktion mit Zweigen und Blättern, um sie zu tarnen.
Am Abend fragte Ardin Finn aus. Er wollte von ihm wissen, was er von der Antwortmaschine alles erfahren hatte. Der Junge strengte sich sichtlich an, das Erlebte ins Gedächtnis zu rufen, aber sein Traumerlebnis verfälschte oft die Erinnerungen. Erst als Finn die Tränen kamen, stellte Ardin die Fragerei ein und lenkte das Gespräch in unkritische Bereiche.
Jando und Nerissa standen auf und sahen nach dem Feuer.
„Wie lange wollen wir hier warten?“, fragte der Gaukler.
Nerissa stocherte das Feuer an und sagte dann leise, „wir sind hier erst mal sicher, denke ich. Wir sollten hier warten, bis die anderen uns finden.“
„Aber was ist, wenn uns die Soldaten vorher finden?“, fragte Jando nach und sah ihr in die Augen.
„Ich glaube nicht, dass die uns noch suchen“, antwortete sie und wandte sich von ihm ab.
33. Eindringling
Merten war Borguns und Nerissas Spuren bis zum Lager der Räuber gefolgt. Was er hier fand, verstärkte seine Angst um Narda, weckte aber auch Zorn, wie er ihn noch nie erlebt hatte. Er sah mit Blut durchtränkte Lappen, Stricke und fand schließlich das Grab. Tiere mussten es freigewühlt haben. Merten zwang sich, genauer hinzusehen. Er fühlte eine Mischung aus Ekel und Erleichterung. Ekel, weil sich an der Leiche schon Tiere gütlich getan, sie angefressen hatten, Erleichterung, weil es offensichtlich weder Bardo noch Narda war, seine geliebte Narda.
Er wandte sich ab und ließ zu, was sich nicht vermeiden ließ, dann atmete er durch und untersuchte den Ort genauer, fand die Hinterlassenschaften eines heftigen Kampfes, aber auch der Versorgung einer Wunde. Eine seltsame Spur aus Rillen im Boden, wie von Rädern, war die Deutlichste. Bevor der Junge ihr folgte, durchsuchte er den Platz nach Dingen, die ihm helfen könnten.
Er nahm ein Beil und ein Jagdmesser an sich, dann machte er sich auf den Weg.
Wo der Boden geeignet war, konnte Merten auch Fußspuren erkennen, eine sehr groß, die andere klein. Nardas Spur, so hoffte er wenigstens. Die andere könnte seltsamerweise zu Borgun passen. Rätselhaft blieben die Rillen. Mertens Aufmerksamkeit war ganz auf den Boden gerichtet.
Etwas traf ihn unvermittelt von hinten an der Schulter und warf ihn nieder. Er fing den Fall mit den Händen ab und drehte sich in einer Bewegung auf die Seite, gerade noch rechtzeitig, denn der nächste Schlag mit dem Knüppel landete unmittelbar neben seinem Kopf im Moos. Der Junge packte den Ast und kam so einem weiteren Schlag zuvor.
Der Angreifer schien nicht bei Sinnen zu sein, nicht zu begreifen, was geschah. Statt mit den Fäusten weiter zu schlagen, zog er an dem Holz. Merten nutzte dies und trat zu, traf die richtige Stelle. Der Mann jaulte und ließ los. Der Junge ließ ihm keine Zeit, sich zu erholen; er schlug mit aller Kraft immer wieder auf den Kerl ein, bis er sicher war, dass der liegen blieb.
Erst jetzt konnte er nachdenken. Der Knüppelschwinger war mittelgroß, hager und dicht behaart. Er stank widerlich, nach Alkohol und allen üblen Folgen. Was tun, überlegte Merten. Dieser Mann war gefährlich, und wenn er ausgenüchtert war, würde er sicher schwerer zu überwältigen sein.
Der Junge suchte in seinem Rucksack. Beil und Messer boten Möglichkeiten, aber töten wollte er den Mann nicht. Ein Seil war aber auch dabei und das nutzte er. Er fesselte dem Kerl die Hände auf den Rücken und rollte ihn aus dem Weg, nicht ohne noch einmal zuzutreten, als Dank für die schmerzende Schulter. Wenn er Bardo fand, konnte der entscheiden.
Merten ging weiter, trotz einsetzender Dunkelheit. Schließlich sah er das Haus und mochte kaum glauben, dass so etwas hier im Wald möglich war. Neben der Tür lag das Gebilde, dessen Spur er gefolgt war, und er erahnte seinen Sinn. Er blieb vorsichtig und trat langsam näher heran, er wollte nicht noch einmal überrascht werden.
Er blickte durch die Fenster; im Kamin brannte ein Feuer, doch das Licht reichte nicht aus, er konnte nichts erkennen.
„Wer bist du?“, ein Mann, groß wie Borgun, hatte die Tür aufgerissen, stellte diese Frage - und bekräftigte sie, indem er eine gespannte Armbrust auf Mertens Herz richtete.
Noch bevor der Junge antworten konnte, war Narda an der Tür.
„Ein Freund“, schrie sie, „mein Freund!“
Sie drängte sich an dem Hünen vorbei und fiel Merten um den Hals. Bernhard senkte seine Waffe.
„Kommt rein“, sagte er.
Sie taten wie geheißen und Narda stellte sie einander vor.
Der Anblick des Schwarzen war für Merten etwas ganz Neues und er konnte sein Befremden nicht verbergen. Das Mädchen berichtete, was ihr widerfahren war und wie der Einsiedler ihr geholfen hatte. Bardo, der auch erwacht war, bestätigte es.
Nun war es an Merten, zu erzählen. Ihm war schon klar geworden, dass sein Angreifer der zweite Räuber sein musste. Als Narda davon hörte, ballte sie ihre Fäuste.
„Kannst du ihn wiederfinden?“, fragte sie.
„Kommt drauf an, ob er seine Fessel lösen konnte. Ich muss es bei Tagesanbruch versuchen“, antwortete Merten.
Bernhard mischte sich ein und sagte, „besser, du zeigst mir, wo das war, aber jetzt sollten wir alle erst mal schlafen.“
Er stellte die gespannte Armbrust neben die verriegelte Tür und zog sich zurück. Narda wechselte noch mal Bardos Verband.
Er sah ihren verzerrten Gesichtsausdruck und fragte: „Denkst du, Merten hätte den Mann töten sollen?“
Das Mädchen nickte langsam, antwortete aber nicht.
Der Meister sprach weiter: „Denk daran, Merten wird sein Leben opfern, wenn er so Deines retten kann. Er wird auch ohne zögern jemanden töten, wenn es um deinen Schutz geht! Aber er ist kein Mörder, und wenn er zu einem werden sollte, wäre das nicht mehr der Merten, den du liebst!“
Nardas Gesicht zeigte noch immer den Hass, der in ihr brodelte, doch dann hörte sie Mertens Stimme und ihre Anspannung ließ nach. Sie erinnerte sich an die Situation, als sie von den Bauern verfolgt wurden und sie Gewalt verhindern wollte, die Angreifer schützen wollte.
Merten streckte seinen Arm nach ihr aus und sie legte sich neben ihn. Während sie die Nähe fühlte, wurde ihr bewusst, dass der Meister wohl recht hatte.
Sie sang sich in Gedanken selbst ihr Lied, schmiegte sich an Merten und schlief ein.
34. Ausweg
Stadtluft macht frei, so sagte man, doch das galt nicht für Borgun. Durch seine Größe war er zu auffällig, um in Goselar offen herum zu laufen. Immerhin war ein gutes Kopfgeld auf sie ausgesetzt. Nur spät in der Nacht vertrat er sich die Beine, achtete sorgfältig darauf, niemandem zu begegnen. Engelbert hingegen konnte sich fast frei bewegen. Die Frau des Wundarztes hatte seine Haare kurz geschnitten, dafür ließ er den Bart wachsen. Die Geduld des Gastgebers hatten sie nun schon eine Woche strapaziert, sie mussten einen Weg aus der Stadt finden.
Die Wagen der Händler, die täglich durch die Stadttore fuhren, waren zu klein, um jemanden wie Borgun zu verbergen. Die Wachen niederzuschlagen und einfach durch zu rennen, wäre zwar möglich gewesen, hätte aber auch Verfolger auf ihre Spur gebracht.
Engelbert bummelte gern durch die Straßen und half hier und da bei Handwerkern aus, verdiente so ein paar Kupferstücke. Dabei hielt er Augen und Ohren offen: Was sie brauchten, war ein großer Warentransport, voll beladene Fuhrwerke.
Er studierte auch die Abläufe an den Toren genauestens. Gab es Wächter, die man überreden oder bestechen könnte? Wäre Nerissa hier gewesen, sie hätte ihnen leicht freien Durchgang verschaffen können, von Narda ganz zu schweigen. Aber Engelbert hatte diese Gabe nicht und Borgun ebensowenig.
Eine Schwachstelle schien das westliche Tor zu sein. Engelbert beobachtete, wie dort verstohlen Münzen den Besitzer wechselten. Was dann geschmuggelt wurde, konnte er nicht erkennen, aber wenn die Wachen bestechlich waren, dann bot das Möglichkeiten.
Er berichtete Borgun davon, der sofort einen Plan schmiedete. Dazu brauchte er die Hilfe des Hausherrn.
Nach dem Abendessen bat er ihn um ein Gespräch unter vier Augen. Der Wundarzt willigte nur widerstrebend in Borguns Vorhaben ein, aber schließlich kochte er den gewünschten Sud aus Schlafmohn und Wein. Er betete dabei, dass dieses Gebräu nicht zu stark sein würde, füllte die abgekühlte Flüssigkeit in eine Flasche und gab sie seinen Gästen, immer wieder betonend, dass es gefährlich würde, wenn jemand mehr als einen Becher davon trinkt.
Am nächsten Morgen verabschiedeten sie sich, hinterließen Dank und ein Goldstück, und machten sich auf zum Westtor. Sie hielten sich in einer Mauernische verborgen. Bevor sie ihren Plan in die Tat umsetzen konnten, wurden sie Zeugen eines Tumults.
„Wer da?“, rief einer der Torwächter, aber es galt nicht den Flüchtigen.
Unverständliches Gebrüll war von der anderen Seite des Stadttores zu hören und endlich auch klare Kommandos.
„Wir bringen einen Gefangenen! Ich bin Hauptmann Samuel von der Garde des Fürsten“, rief eine tiefe Stimme, die Stimme eines Mannes, der keinen Widerspruch duldete.
Borgun hielt Engelbert am Hemd fest. Um ein Haar wäre er nach vorn getreten, um zu sehen, wer da gebracht wurde.
Die Torwächter standen stramm und ließen den Hauptmann hindurch. Dem folge ein Kerl mit gefesselten Händen, gekleidet in Lumpen. Ein Soldat hielt den am Arm fest. Borgun und Engelbert atmeten auf, es war keiner ihrer Freunde.
„Du führst uns zum Kerker der Stadt!“, sagte der Hauptmann und wies auf den Jüngeren der Wächter.
„Wir müssen zu zweit ...“, versuchte der einzuwenden, aber der ältere Wächter gebot ihm, zu gehorchen.
„Los“, sagte Borgun. Er hielt sich außer Sicht, während Engelbert hervortrat und es nun auf Aufmerksamkeit anlegte. Er lallte unverständliche Worte, torkelte, grölte Flüche heraus. Dabei schwenkte er die Weinflasche herum.
Der ältere Wächter, auch noch kaum erwachsen, kam auf ihn zu.
„Gib die Flasche her Freund, du hast genug!“, sagte er.
Engelbert drückte das Gefäß an sich und antwortete trotzig, „Nein, das ist meine!“
Der Wächter entriss sie ihm und stieß ihn zur Seite. Engelbert ließ sich fallen, lallte etwas von Durst. Er fühlte einen Stiefeltritt.
„Troll dich, wenn du nicht in den Kerker willst!“
Engelbert kroch ein Stück, erhob sich dann schwerfällig, hielt sich den Bauch und torkelte davon. Borgun hatte den Auftritt durch eine Mauerritze beobachtet und behielt das Tor im Blick. Wie erwartet ließ der Wachmann sich nicht lange bitten. Er nahm sofort einen ordentlichen Schluck aus der Flasche. Es sollte nicht lange dauern, bis er müde würde.
Eine Viertelstunde später schnarchte der Mann auf den Boden liegend. Borgun gab das Kommando, „komm!“.
Engelbert und er waren gerade am Tor angelangt, als sie einen Schrei hörten:
„Das sind sie, wie ich es dir sagte“, rief eine Frau.
Ein Soldat rannte auf sie zu, sein Schwert war gegen Borgun erhoben. Der Hüne konnte dem Schlag ausweichen, aber unbewaffnet war er trotz seiner Kraft im Nachteil.
Engelbert war der Joker im Spiel, er riss sich sein loses Hemd vom Leib und warf es dem Soldaten über den Kopf. Diese Ablenkung genügte Borgun, um einen Faustschlag anzubringen. Der Angreifer fiel um.
Engelbert sah die Frau, die geschrien hatte, davonrennen. Sie trug einen grauen Umhang und ihr Gesicht war nicht zu sehen, doch glaubte er, in ihrer Statur die Gattin des Wundarztes zu erkennen.
Sie hatten keine Zeit zu verlieren. Borgun zog den bewusstlosen Soldaten an die Seite zu dem tief schlafenden Wächter und schnappte sich das Schwert. Engelbert machte sich die Mühe, den Rest des Weins auszukippen, riss die Armbrust und den Köcher der Wache an sich, dann rannten sie los.
Sie machten erst Rast, als sie den Wald erreicht hatten.
„Sie werden uns verfolgen“, sagte Borgun, als er wieder zu Atem gekommen war.
Engelbert nickte und antwortete, „ja, eine betrunkene Wache hätten keinen Verdacht geweckt, aber der Soldat wird das nicht auf sich beruhen lassen. Wenn er wieder bei Sinnen ist, holt er ganze Scharen!“
„Um unsere Freunde wiederzufinden, müssen wir in Richtung Norden. Wir können hier eine falsche Spur legen und dann diesen Weg einschlagen, einen Haken schlagen wie die Hasen“, meinte Borgun.
Engelbert entgegnete „Beim Bauern Wehlich wartet ein Fuhrwerk voll Vorräte auf uns. Wir brauchen es bloß abzuholen.“
„Wenn da mal nicht noch was anderes auf uns wartet“, sagte Borgun zögernd, „aber du hast recht, wo ein Fuhrwerk ist, da sind auch Pferde, und die brauchen wir!“
Nachdem sie sich etwas vom Spurt erholt hatten, marschierten sie tiefer in den Wald, bewusst auf weichem Boden. Sie zertraten Äste, rissen Zweige ab. Dann gingen sie bewusst in ihrer nicht zu übersehenden Spur zurück bis zu einer steinigen Stelle. Dort wechselten sie die Richtung, achteten nun genau auf jeden Schritt. Um Wehlichs Hof zu erreichen, mussten sie die halbe Stadt umrunden und dabei auch eine befestigte Straße überqueren.
Sie näherten sich der Straße sehr vorsichtig, warteten geraume Zeit, bis in beiden Richtungen niemand zu erkennen war. Erst dann wagten sie sich auf die Böschung, liefen auf die andere Seite und schlugen sich wieder zwischen die Bäume. Eine Stunde Wegs weiter, wagten sie es, an einem Rinnsal ein Lager aufzuschlagen.
Borgun entfachte ein Feuer. Engelbert schoss ein paar Tauben und sie brieten die am Spieß. Die Stärkung hatten sie bitter nötig.
Am nächsten Morgen wanderte sie weiter. Zu Wehlichs Hof brauchten sie, fernab der Straßen, noch einige Stunden. Borgun hielt es für besser, erst am Abend dort einzutreffen, wenn keine Arbeiter mehr auf den Feldern wären, und deshalb gönnten sie sich eine weitere ausgiebige Pause.
Die Sonne ging gerade unter, als sie den Bauernhof erblickten. Bevor sie näher herangingen, beobachteten sie die Situation genau. Da waren keine Wachen, keine Soldaten, es sah alles aus, wie es Engelbert kannte. Das Tor war geschlossen und Borgun wartete draußen, während sein Begleiter über den Zaun kletterte. Der Hofhund bellte und rannte zähnefletschend auf Engelbert zu, doch der wusste, mit ihm umzugehen. Schließlich war er ja schon oft hier gewesen und kannte das Tier. Ein zurückbehaltenes Stück Taubenfleisch trug zur Beruhigung der Lage bei, der Schäferhund ließ sich streicheln.
Engelbert schlich sich zum Wohnhaus und warf Kiesel an ein Fenster im Obergeschoss, dort wo er das Schlafzimmer vermutete. Nach dem dritten Stein hörte er einen Fluch von oben. Eine Laterne leuchtete hinter dem Fenster auf und jemand öffnete es.
Der Bauer setzte zu einer lauten Beschimpfung an, aber erkannte in letzter Sekunde Engelbert. Er schloss das Fenster wieder und stand kurz darauf mit seiner Leuchte in der Tür.
„Komm rein, sei leise!“, flüsterte er.
„Sind hier Soldaten?“, fragte Engelbert.
„Nein, sie sind wieder weg. Es würde mich aber nicht wundern, wenn sie noch mal kommen. Du kannst hier nicht lange bleiben!“, sagte der Bauer und in seiner Stimme war Angst zu hören.
„Will ich auch nicht“, antwortete sein Gast, „aber ich brauche zwei Pferde, ein bisschen Proviant wäre auch nicht schlecht“.
„Dein Fuhrwerk steht noch in der Scheune, aber die Waren haben wir abgeladen, Gott sei dank rechtzeitig, bevor sie den Hof durchsuchten.“
„Der Wagen wäre zu langsam. Behalte ihn, ich brauche nur die Pferde und zwei Rucksäcke mit Proviant.“
„Wieso zwei?“, fragte der Bauer, während sie die Pferde sattelten.
„Ein etwas auffälligerer Freund wartet draußen auf mich.“
Wehlich packte noch Decken und Kochgeschirr sowie Käse und Schinken in die Rucksäcke, dann brachte er Engelbert mit den Pferden zur Pforte. Sein Gast dankte ihm draußen herzlich, Borgun nickte dem Bauern zu, dann gingen sie mit den Tieren am Zügel fort.
In der angebrochenen Nacht zu reiten, wäre gefährlich gewesen. Sie suchten erst Abstand zum Bauernhof und wieder Schutz im Wald, banden die Tiere an und übernachteten, jetzt mit dem Komfort von Decken.
Der Sonnenaufgang weckte sie. Borgun und Engelbert verloren keine Zeit, bestiegen die Pferde und ritten in Richtung Norden. Ihr Ziel war das Depot bei der Anlage ‚Tanne'; sie hofften, dass dort früher oder später ihre Gefährten Nachschub holen würden.
Zur Mittagszeit gönnten sie den Pferden und sich selbst eine Rast, ließen die Tiere weiden und verzehrten etwas Brot und Käse. Beim weiteren Ritt gemahnte Borgun zur Vorsicht. Als sie sich der ‚Tanne' näherten stiegen sie ab und führten die Pferde am Zügel. Die Gegend war menschenleer, der Eingang unbewacht.
„Es fehlte nur, dass das Tor offensteht“, bemerkte Engelbert.
„Wie bei einer Rattenfalle!“, antwortete Borgun.
Sie unternahmen keinen Versuch, sich dem Eingang zu nähern, sondern schlugen den Bogen zum Notdepot. Borgun legte es frei und sah sofort, dass schon einiges entnommen worden war.
„Sie waren schon hier, also sind sie wohl auch noch frei“, sagte Engelbert.
„Die Frage ist bloß, wann sie wiederkommen“, antwortete Borgun mit trauriger Stimme.
Sein Gefährte zuckte mit den Schultern.
Er sagte: „Das kann Tage oder Wochen dauern. Wir sollten versuchen, ihrer Spur folgen. Wenn das nicht gelingt, können wir immer noch hierher zurückkehren.“
Borgun stimmte zu, obwohl das viel leichter gesagt war, als getan. Engelbert war ein erfahrener Jäger und verstand sich aufs Spurenlesen, doch es mussten Tage vergangen sein, seit das Vorratslager besucht worden war, lang genug für jeden Grashalm, um sich wieder aufzurichten.
Seine scharfen Augen fanden schließlich doch etwas: hier ein umgeknickter Zweig, dort ein hängengebliebener Stofffetzen. Der Abstand zwischen den kargen Spuren war groß, aber Engelbert kannte nun die Richtung, in die sie gehen mussten.
Mehrmals verloren sie die Spur und machten kehrt, um sie wieder aufzunehmen. So kamen sie nur langsam voran, gelangten aber endlich an den Bach und fanden Reste eines Feuers. Engelbert sah Fußabdrücke sowohl bachaufwärts als auch abwärts.
Der Jäger sah sich noch mal genau um und entdeckte schließlich Einkerbungen in einer Baumrinde, Nerissas Zeichen, nach rechts geneigt.
„Sie müssen sich getrennt haben!“, sagte er.
„Das ist übel“, antwortete Borgun.
35. Asyl
Bernhard schärfte Narda ein, die Fenster und die Tür zu verriegeln. Merten und Bernhard brachen auf, nach dem Räuber zu sehen. Der Junge fand den Platz schnell wieder, an dem der Kampf stattgefunden hatte, aber statt des Mannes, lag nur noch der zerrissene Strick da. Jetzt, im Licht, sah Merten auch, dass es genug Steine mit scharfen Kanten gab. Er suchte nach Fußspuren und fand zu seiner Beruhigung welche, die weg vom Haus führten. Der Angreifer schien das Weite gesucht zu haben.
Sie kehrten zurück und Narda öffnete ihnen die Tür. Bardo stand neben ihr: Er hatte es geschafft, einige Schritte allein zu gehen, und begrüßte sie mit klarer Stimme.
Narda und Merten steckten die Köpfe zusammen und tauschten ihre Geschichten aus, Bardo fragte Bernhard danach, wieso er hier im Wald lebte. Der Schwarze antwortete: „Die Menschen in der Stadt haben mich verjagt und in den Dörfern war es auch nicht besser. Es machte ihnen Angst, dass ich anders aussehe, Angst, dass ich krank bin und sie anstecke. Es gab auch welche, die sich einen Spaß draus machten, mich zu piesacken. Ich konnte mich leicht wehren, aber immer auf der Hut zu sein, machte mich krank. Am Ende musste ich fliehen. Ich lernte, in der Natur zu überleben, fand am Ende hier ein Zuhause.“
„Und du hast dieses Haus gebaut?“, fragte Bardo.
„Nein“, Bernhard lachte, „das könnte ich nicht allein. Das stand schon hier, bevor ich kam. Es war unbewohnt und heruntergekommen. Ich habe es nur wieder hergerichtet - in den letzten zehn Jahren.“
„Ich hätte nie gedacht, so etwas hier zu finden, hast du eine Idee, wer es gebaut und bewohnt hat?“
„Nein, ein paar Luchse hatten sich eingenistet, aber die Erbauer müssen viele Jahre vorher verschwunden sein.“
Bardo lag noch eine andere Frage auf der Zunge, aber er zögerte, sie zu stellen.
Narda kam ihm zuvor und fragte: „Wo bist du ursprünglich hergekommen? Wer sind deine Eltern?“
Bernhard antwortete nach längerem Überlegen: „Ich komme von einem Ort, an dem man seine Eltern nicht kennt. Eine dunkle Haut zu haben, war da normal. Trotzdem musste ich von dort fliehen, um mein Leben zu retten.“
„Wo ist dieser Ort?“, fragte das Mädchen.
„Tief unter unseren Füßen gibt es eine andere Welt. Die Menschen leben dort ganz anders als hier. Alles ist da organisiert.“
Bardo tauschte einen Blick mit dem Mädchen und gab sich dann verständnislos.
Er fragte: „Wieso war da dein Leben in Gefahr?“
„Ich weiß nicht warum, aber es wurden viele Bewohner getötet. Es müssen Tausende gewesen sein.“
„Und wie konntest du entkommen?“, fragte der Meister.
„Sie befahlen uns, in einen Gang zu gehen. Alle marschierten in Reih' und Glied. Irgendwie wusste ich, dass es ein Todesmarsch war. Ich schrie herum, versuchte die anderen zu warnen, aber niemand hörte mir richtig zu“, sagte Bernhard und fuhr fort, „dann kümmerte ich mich um mich selbst. Ich wusste von einem Notausgang, schlug jeden nieder, der mich aufzuhalten versuchte, und kroch hinaus.“
Narda fragte, „haben die da unten nicht versucht, dich wieder einzufangen?“
„Es blieb wohl keiner dafür übrig. Die ganze Siedlung wurde ausgelöscht und ich habe nie wieder was von der anderen Welt gehört. Aber ihr müsst mich für verrückt halten, wenn ich so etwas erzähle!“
„Nein“, antwortete Bardo, „ganz und gar nicht. Wir wissen von den Klöstern unter der Erde und sind auf der Flucht vor ihren Agenten. Haben sie nicht nach dir gesucht?“
Bernhard ließ sich Zeit mit der Antwort, schien zu überlegen, wie viel er sagen wollte.
Endlich sagte er, „ich weiß es nicht. Du meintest, es gäbe Agenten. Vielleicht waren manche von denen, die mich immer wieder schikaniert haben, ja so etwas. Es gab einen Rädelsführer, mit dem ich es öfter zu tun bekam.“
Bardo nickte und sagte nachdenklich, „das ist gut möglich.“
Merten fragte, „weißt du noch, wo die Anlage ist, aus der du geflohen bist?“
„Da bin ich schön weggeblieben, da will ich nie wieder hin!“
„Aber du kannst uns sagen, wie wir da hinkommen, oder?“, hakte Merten nach.
„Ihr solltet da auch nicht hingehen! Da ist nur Tod. Wir waren Tausende und ich bin der Einzige, der übrig geblieben ist!“
Bardo sagte, „wir werden uns da umsehen müssen, aber erst mal müssen wir unsere Freunde wiederfinden.“
„Nerissa ist mit ihrer Gruppe weiter flussaufwärts gegangen und wird da ein Lager aufgeschlagen haben“, erklärte Merten, „sie zu finden ist einfach.“
„Ja“, antwortete Bardo, „aber Borgun und Engelbert sind wahrscheinlich gefangen, vielleicht auch tot.“
Merten schloss kurz die Augen und nickte.
Bernhard sprang auf und stieß einen Schrei aus. „Nein, ich gehe nicht mit!“
Mit glasigem Blick sah er sich um, so als wüsste er nicht, wo er ist. Sein Blick war starr auf das Feuer im Kamin gerichtet.
Bardo bedeutete den anderen Abstand zu halten, Narda konnte den Pulsschlag in ihren Adern hören und zählte über 200, bevor der Einsiedler sich wieder rührte, nein, geradezu zusammenbrach. Er ließ sich fallen, bedeckte seine Augen mit den Händen und weinte hörbar.
„Es tut mir leid, ich wollte euch nicht erschrecken!“, sagte er endlich.
Bardo fragte ihn, was passiert sei.
Bernhard antwortete: „Das passiert manchmal, wenn ich an die Zeit unten denke. Es ist so, als wäre ich wieder in diesem Gang mit den ganzen anderen, die nichts ahnend zu ihrer Hinrichtung marschieren! Ein paar davon waren gute Freunde, aber ich konnte nicht einen retten.“
Bardo nickte nur, aber Narda ergriff das Wort.
„Ich kann dir helfen!“, sagte sie.
Der Einsiedler starrte sie an und sagte, „Du kannst Wunden heilen und bestimmt auch vieles anderes, aber keine zerstörte Seele!“
„Doch!“, antwortete das Mädchen, „ich kann dir deine Sorgen und Ängste nehmen, deine Seele heilen, wenn du das willst.“
Bernhard stand auf, schüttelte bedächtig den Kopf und schürte das Feuer wieder an.
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„Du brauchst keinen Verband mehr!“, stellte Narda fest.
„Wir sollten aufbrechen“, sagte Bardo und nickte, „es geht mir wieder gut.“
Ein Zucken, das Narda manchmal sah, wenn er sich bewegte, verriet ihr, dass das nicht so ganz stimmte. Aber sie spürte auch, dass sie Bernhards Gastfreundschaft vielleicht schon überstrapaziert hatten. Bernhards Zusammenbrüche hatten sich noch ein paar Mal wiederholt, und er hatte jedes Mal Nardas Angebot, zu helfen, abgelehnt. Vielleicht ahnte er auch, dass das Mädchen noch etwas anderes im Sinn hatte, dass sie ihn dazu bringen wollte, ihnen den Weg zu seinem früheren Kloster zu zeigen.
Als sie versucht hatte, Bernhard im Schlaf zu beeinflussen, hatte der Meister sie davon abgehalten.
„Er ist ein Freund, und will es nicht, also dürfen wir es nicht!“, hatte er gesagt.
Narda hatte gehorcht, aber das war ihr schwergefallen. So sehr sie dem Meister vertraute, sie war sich sicher, dass sie auf eine Chance verzichteten.
Bardo erklärte seinen Plan: „Wir müssen unbedingt zurück zur Tanne. Wenn Borgun und Engelbert entkommen konnten, werden sie auch dort hingehen.“
„Was ist mit Nerissa und den anderen?“, fragte Merten.
Bardo antwortete: „Sie werden ihr Lager weiter oben aufgeschlagen haben. Du kannst sie bestimmt finden!“
„Das könnte ich, ja, aber ich lasse Narda nicht allein!“
„Ich bin bei ihr, sie ist nicht allein!“, sagte Bardo.
„Du bist noch nicht ganz gesund! Du brauchst Nardas Schutz, nicht umgekehrt!“, entgegnete der Junge.
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