Nardas Lied

Kapitel 36
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36. Vereint
Borgun und Engelbert hielten sich abseits der Wege und mieden jede Begegnung mit anderen Menschen. Es dauert drei Tage, bis sie den Zugang zur Anlage Tanne erreichten. Sie schlichen sich vorsichtig heran. Außen konnten sie niemanden entdecken. Das Tor war geschlossen. Sie wagten nicht, es zu öffnen. Stattdessen schlugen sie den Weg zum Depot der Pythagoräer ein.
Sie legten den Deckel frei und Borgun hob ihn ab. Dass sich schon jemand bedient hatte, war offensichtlich. Ein gutes Zeichen: Ihre Freunde mussten entkommen sein.
„Wohin sind sie gegangen?“, fragte Engelbert.
„Ich weiß es nicht“, antwortete Borgun langsam, während er die Deckplatte wieder platzierte.
„Wohin würdest du gehen, wenn du gerade mit knapper Not hier rausgekommen wärst?“ Engelbert schob das Gestrüpp zurück über die Grube.
Borgun sprach bedächtlich. „Da drüben fließt ein Bach. Dem würde ich folgen, denn ich brauche Wasser. Wenn hier alles voll Soldaten wäre, würde ich bergauf gehen, denn bergab sind wahrscheinlich noch mehr davon.“
„Dann sollten wir das auch tun. Vielleicht finden wir ja Zeichen von ihnen.“
Der Hüne nickte und führte Engelbert zum Bach. Engelbert suchte den Boden nach Spuren ab und fand als erfahrener Jäger auch welche, allerdings in beiden Richtungen. Eine Gruppe war aufwärtsgegangen, eine andere entgegengesetzt.
„Und nun?“, fragte Engelbert.
„Wir rasten erst mal hier am Ufer. Schau' morgen früh noch mal jeden einzelnen Baum hier an, ob sie was eingeritzt haben!“, sagte Borgun, „wenn wir nichts finden, warten wir genau hier. Entweder die eine oder die andere Gruppe wird hier wieder vorbei kommen.“
Engelbert nickte. Die lange Wanderung war Grund genug, mal etwas länger zu rasten. Er konnte nicht erkennen, ob Nerissa bachauf oder bachab gegangen war, die eine Richtung konnte genauso falsch sein wie die andere.
Sie fachten ein Feuer an und wechselten sich dann bei der Nachtwache ab.
Die Nacht verlief abgesehen von Eulenrufen, ruhig. Am Morgen bastelte Engelbert sich eine Angel und setzte sich an den Bach, um das Essen aufzubessern. Er konnte Fische unter der Wasseroberfläche sehen, aber sie taten ihm nicht den Gefallen, anzubeißen.
Er wollte eben aufgeben, als er etwas entdeckte, was auf dem Wasser an ihm vorbeitrieb: Da waren ein paar Aststücke miteinander verflochten. Der Jäger sprang auf, lief hinterher und griff im richtigen Moment zu. Er sah sich die Holzstücke genauer an: Eine Astgabel bildete mit einem anderen Aststück ein Dreieck. Mit Bast war das Gebilde zusammengeknotet worden.
Er zeigte seinen Fund Borgun und sagte „Wir müssen aufwärts, das hier hat bestimmt Nerissa ins Wasser geworfen.“
„Lass uns einen Tag warten! Wir müssen Kraft schöpfen“, antwortete der Hüne.
„Vielleicht brauchen sie Hilfe!“, antwortete Engelbert, „warum sonst lassen sie so etwas hier treiben?“
„Einfach nur damit wir sie finden. Sie werden irgendwo weiter oben lagern.“
„Das gefällt mir nicht“, sagte Engelbert.
„Morgen früh folgen wir ihnen, versprochen!“, antwortete Borgun mit einer Stimme, die keinen Widerspruch zuließ.
Borgun schlief tief und Engelbert hielt Wache. Da war ein Geräusch, und das kam nicht von einer Eule. Etwas Größeres näherte sich. Zweige knickten, Äste brachen. Der Jäger sah einen Lichtschein zwischen den Bäumen. Wildschweine tragen keine Fackeln, dachte er sich und löschte das Feuer aus. Er hielt Borgun den Mund zu und stieß ihn an, weckte ihn unsanft. Der verstand sofort und erhob sich so leise, wie es ihm möglich war. Beide drückten sich zwischen die Bäume und beobachteten das näherkommende Licht.
Engelbert gab Borgun frei und hielt drei Finger in die Höhe. Er konnte hören, wie viele Menschen es waren. Endlich, eine Stimme, und die kannte er. Der Jäger formte mit den Händen eine Muschel vor seinem Mund und imitierte den Ruf eines Käuzchens.
Das Licht der Fackel bewegte sich nicht mehr, aber von der Stelle echote der Ruf zurück. Borgun rief „Wir sind hier!“ und trat aus der Deckung. Engelbert folgte ihm.
Die beiden jungen Leute liefen auf sie zu, Bardo ging hinterher, so schnell es ihm möglich war. Borgun zündete das Feuer wieder an, kurz darauf traten Merten, Narda und schließlich Bardo ins Licht.
In den nächsten Stunden gab es viel zu erzählen. Sie rösteten Fische am Feuer und stärkten sich. Doch es war spät. Bardo bestimmte, sich schlafen zu legen und am Morgen aufwärtszugehen und Nerissa zu finden.
Sie brachen früh auf und Engelbert berichtete von ihrer Flucht aus der Stadt. Plötzlich blieb Bardo stehen und war ganz Ohr.
„Der Mann, den sie in die Stadt brachten, wie sah der aus?“, fragte er, und starrte Engelbert an.
Der Jäger beschrieb den, so gut es ging. Für Engelbert war nur wichtig gewesen, dass es keiner der Pythagoräer war. Er hatte sich dann auf die Flucht konzentriert. Auch Narda hörte aufmerksam zu und fasste Merten bei der Hand.
„Das war der andere Räuber!“, rief sie mit sorgenvollem Gesicht.
Zwei Tagesmärsche später fiel Engelbert Nerissa um den Hals; endlich waren alle wieder vereint. Finn lief auf Narda zu, aber Merten sprang dazwischen. Jando sah den Zorn in Mertens Gesicht, bemerkte die geballten Fäuste und packte Finn am Arm, zog ihn von den beiden weg.
„Lass mich!“, schrieb der Junge und entriss sich ihm, dann lief er in den Wald.
Bardo nahm sich nicht viel Zeit für den Austausch ihrer Geschichten.
„Wir müssen damit rechnen, dass sie hier auftauchen“, sagte er, „sie haben einen Räuber gefangen, der uns begegnet ist. Wenn sie eins und eins zusammenzählen, führt der sie an den Bach!“
Borgun antwortete, „vielleicht machen sie auch kurzem Prozess mit ihm, und hängen ihn auf!“
Jando schüttelte den Kopf, während er das Feuer anfachte.
„Ja, wenn wir viel Glück haben, sind sie so dumm“, sagte Bardo, „aber verlassen dürfen wir uns nicht darauf.“
„Wir müssen uns vorbereiten“, sagte Jando, „und wir haben verfucht wenig Mittel dafür!“
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